Kira, wir zwei kennen uns über dein Projekt FIELFALT. Ich habe dich bei einem eurer Events in Hamburg kennengelernt. Inzwischen bist du auf dem direkten Weg in die Vollzeit Selbständigkeit, mit einem ganz anderen spannenden Projekt. Was machst du denn genau?

 

Was ich jetzt aktuell mache heißt SoulFood. Ich stehe da mit meinem Namen Kira Siefert dahinter. Bei SoulFood geht es darum, dass ich … ich hole mal etwas weiter aus. Vorgeschichte sind 10 Jahre Essstörung, die dazu geführt haben, dass ich mich die letzten drei Jahren auf eine Reise zu mir selbst begeben habe. Ich habe in dem Zuge viele Seminare besucht zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, hab verschiedene Therapien gemacht, war in einer Klinik, hab Hypnose ausprobiert, war selber bei Coaches, bis ich mich dazu entschieden hab, selber eine Coaching-Ausbildung zu machen. Ich möchte die Lücke zwischen Therapie oder Klinikaufenthalt zum Alltag für betroffene Frauen schließen, die eine Essstörung hatten, noch haben oder bei denen sich generell, wie es viele kennen, die Gedanken rund um die Uhr ums Essen drehen. Das versteckt sich hinter SoulFood.

 

Das Konzept umfasst drei Säulen: einmal die Methoden, die ich in meiner Coaching-Ausbildung gelernt habe, meine eigenen Erfahrungen sowie Tools aus dem Bereich Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und Selbstliebe. Das Ganze ist und wird eine Kombination aus Online-und Offline Angeboten: Wissensvermittlung mit Übungen in einem Online-Format. Dazu kann natürlich immer ein persönliches und individuelles Coaching hinzugezogen werden.

 

Sehr spannend! Du bist seit Jahresanfang auf dem Weg in die Selbständigkeit mit SoulFood, also ist alles noch recht frisch. Plagst du dich aktuell mit Mindfuck bezüglich deines Business-Babys?

 

Da muss ich mal kurz überlegen, das kann man ja selber ganz gut verdrängen. (lacht) An manchen Tagen habe ich Gedanken wie „Bist du schon soweit?“. Da stelle ich dann meinen eigenen Standpunkt, mein Wesen sowie mein Können in Frage. „Ist das gut, was du da machst?“, „Ist das wirklich das, was du machen willst und kannst?“, „Ist das etwas, das die Menschheit braucht?“, „Bewirkt es wirklich das, was ich mir wünsche?“. Es gibt auf jeden Fall diese Tage, wo auch ich das alles infrage stelle. Das kann auch schon mal etwas länger anhalten.

 

Was machst du dann?

 

Entweder ich vertüddel mich dann im Tun und denke mir „ach egal“ und mache einfach weiter und schaffe dann sogar richtig viel und bin am Ende des Tages glücklich und erfüllt. Das ist natürlich optimal. Ich hole mich dann unterbewusst auf den Boden der Tatsachen zurück. “Das ist dein Weg, den gehst du so, wie er jetzt ist.” Das ist schön und dann ist das Zweifeln nach ein paar Minuten auch wieder vorbei und vorübergezogen. Das ist nicht immer der Fall.

 

Denn es gibt auch Tage, an denen ich mich in den Gedanken verliere, dass ich noch nicht so weit bin, dass ich es nicht schaffe und den Menschen nicht das geben kann, was sie brauchen oder was ich möchte. Dann mache ich manchmal den Rest des Tages nicht viel, lege mich auf die Couch und schaue aus dem Fenster. Ich würde nicht sagen, dass ich in solchen Momenten resigniere, doch ich mache dann meistens erstmal eine kurze oder längere Pause und denke mir „dann eben nicht“, mach mir eine Serie an oder lege mich hin. Meistens sieht die Welt am nächsten Tag auch schon wieder ganz anders aus.

Und was wichtig ist, denke ich, dass man diese Phasen nicht überbewertet und oftmals ist es tatsächlich der Fall, dass ich einfach eine kurze Auszeit vor Müdigkeit oder ähnlichem gebraucht habe, ohne es zu merken. Deshalb hat mir mein Mindfuck ein Signal gesendet. So sehe ich das häufig.

 

Vorher hast du festangestellt gearbeitet. Gab es einen Grund oder eine Unzufriedenheit aus der heraus du gegründet hast?

 

Nach dem Abi hab ich eine Ausbildung gemacht und war da auch zufrieden, wurde übernommen, war in München, war da auch drei Jahre und weitestgehend glücklich. Im Privaten hat mich parallel dieses krasse Problem, meine Essstörung, begleitet, das gefühlt alles in meinem Leben gesteuert und beeinflusst hat. Ich hatte gefühlt keine Handlungsmacht. Deshalb war mein Beruf damals das, woran ich mich festgehalten habe und dachte „gut, dass kannst du immerhin selber bestimmen und verändern“.

Ich habe sehr oft den Beruf gewechselt: war zur Ausbildung in München, bin später wieder nach Hamburg gegangen, war in einer Spedition für ein Jahr, hab nebenbei angefangen zu studieren, hab nochmal gewechselt, war nochmal ein halbes Jahr woanders … Ich glaube, ich hab mich beruflich nirgends gesehen, hatte kein Ziel. Ich konnte das immer wieder verändern und hatte so das Gefühl, ich hab’s in der Hand und das könnte die Lösung für mein eigentliches Problem sein. Ich habe sehr lange im Außen die Lösung für mein Problem, das in mir lag, gesucht. Ich war ziellos und hatte auch keine Richtung. Immer nach spätestens einem Jahr kam das Gefühl in mir auf, dass meine Tätigkeit für mich keinen Sinn macht. Und nach dem dritten Jobwechsel innerhalb kürzester Zeit und einer sehr schmerzhaften Trennung, habe ich entschieden, dass ich mich auf meine Gesundheit konzentriere, mir eine Auszeit nehme und in eine Psychosomatische Klinik gehe. Dort hab ich neun Wochen nur mit mir verbracht. Aus gesundheitlicher Sicht war das super. Danach hab ich mir einen Kindheitstraum erfüllt und war zwei Jahre Flugbegleiterin. Und trotzdem war das noch nicht das Richtige. Es kam wieder das Gefühl auf, weiterzuziehen. Und da machte sich auch die Essstörung wieder bemerkbar.

 

Am Ende des Tages war FIELFALT ein Projekt, das ich nebenbei als Hobby angefangen habe und aus dem sehr schnell mehr für mich wurde. Ich habe gemerkt, dass ich bereit bin sehr viel Energie aufzubringen und zu investieren, da ich das erste Mal das Gefühl hatte, etwas mit Sinn für mich gefunden zu haben, mit Potential und der Möglichkeit, mich selbst zu entfalten und einzubringen. Das hat sich unheimlich gut und richtig angefühlt. Aufgrund der Gründung und damit ersten Berührung und Erfahrung im Bereich der Selbständigkeit ist mir von Tag zu Tag klarer geworden, dass mein Weg in diese Richtung führt. Auch wenn es natürlich nicht immer einfach ist. Letztendlich war ich allerdings auch müde, von einem Teilzeitjob zum nächsten zu wechseln, um Geld zu verdienen. Somit habe ich beschlossen, meinem Herzen zu folgen, dafür vorerst mit den Konsequenzen zu leben (finanzielle Abstriche z.B.) und meine damals noch mächtige Schwäche zu meinem Warum und Lebenssinn zu machen. Es hat alles einen Grund denke ich. Alles.

 

Du hast also aus deinem größten Problem, dein jetziges Herzensprojekt gemacht. Das finde ich richtig schön! Als ich dich kennenlernte, habe ich gedacht: Boah, was für eine starke Frau. Die hat einen Job, die macht nebenbei mal ebenso – ich mag solche Sichtweisen nicht, aber so nahm ich es wahr – dieses tolle Magazin und noch eine Coaching-Ausbildung. Und jetzt ist es spannend zu sehen, was da wirklich dahinter stand. Dein Business sind die Früchte eines langen Weges. Was kannst du denn jemandem mitgeben, der grad viel mit Zweifeln und Mindfuck zu kämpfen hat, der denkt, alle anderen machen das richtig, nur ich nicht?

 

Ich würde empfehlen, mir mein Leben in 3, 5 oder 10 Jahren vorzustellen. Ich bin ein visueller Typ, ich mache das beispielsweise gerne mit einer Kollage. Man sammelt Bilder aus Magazinen zusammen und klebt sich sozusagen sein Bild der Zukunft. Dann hast du täglich vor Augen, wo du hinwillst. Auch wenn sich das noch unrealistisch anfühlt. Aber wenn du es dir vorstellen kannst, dann ist es auch erreichbar.

Und im nächsten Schritt kann du dein heutiges Leben betrachten und für dich feststellen, ob dein heutiger Beruf und dein heutiges Denken ein Baustein auf dem Weg in Richtung dieses Zukunftsbildes sein können. Und wenn du merkst, dass das nicht der Fall ist, dann hast du zwei Möglichkeiten: Du akzeptierst, dass es ist, wie es ist, denn auch das könnte ein Baustein auf dem Weg in Richtung dieses Bildes sein. Oder du überlegst, was eine Handlung und ein nächster Schritt sein könnte, mit dem du gefühlt dieses Bild deiner Zukunft eines Tages erreichen kannst. Das muss nicht von heute auf morgen sein. Es geht um die Reise deines Lebens.

Du kannst auch Menschen fragen, die ein ähnliches Leben führen, wie das, das du dir wünschst.

Du kannst auch andere fragen, was sie in dir sehen, was du gut kannst. Das kann sehr spannend sein, da wir selbst oft viel kritischer sind und gar nicht richtig wahrnehmen oder uns zugestehen, was wir gut können, welche Werte wir in uns tragen und wer wir sind.

 

Kontakt zu Kira: www.kirasiefert.de

Foto: Romy Geßner