Am 1. Mai 2017 bin ich 4 Jahre selbstständig. Jippi! Tschakka! Oder auch … seufz. Versteh mich nicht falsch, ich LIEBE meine Selbständigkeit und die Freiheiten, die dazugehören. Und ich bin einen unglaublichen Weg gegangen, den ich mir nie hätte träumen lassen – im Positiven wie im Negativen.

 

Alles Begann mit meiner Freiberuflichkeit als Übersetzerin. Reichlich naiv und voller Vorfreude, ja, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt nahm ich Anlauf und sprang wagemutig in mein bisher größtes Abenteuer. Mein finanzieller Puffer war auf sechs Monate ausgelegt – reicht doch locker! Nach 2 Monaten Akquise wurde mir mulmig. Die Zeit zerrann mir nur so zwischen den Fingern, doch die ersten Aufträge trudelten nur sehr langsam ein. Dennoch lief dann alles recht flüssig und rückblickend besser als erwartet.

 

Freelancer oder Unternehmerin?

 

Diese Frage stellte ich mir nicht. Mit dem geradeso nötigsten Wissen legte ich los. Steuerberater an der Hand (ich brauchte drei Anläufe, bis ich meinen heutigen Zahlenmeister fand), Webseite aufgesetzt und los gings. Konferenzen europaweit, arbeiten im Ausland. Mein erstes Jahr war ein Traum. Es lief ganz ordentlich, ich verdiente (vermeintlich) mehr als zu Angestelltenzeiten, genoss mein neues Leben und konnte mir nicht vorstellen, warum so viele Selbständige Schwierigkeiten haben. Selbst hatte mir davon auch niemand berichtet, aber man hört ja so um drei Ecken viele Horrorgeschichten.

 

Ich “freelancte” so vor mich hin und widmete nach und nach immer mehr Zeit meinem wiederbelebten Hobby, der Fotografie, statt der Akquise. Die ein oder andere Steuerüberraschung und gelegentliche Einnahmenschwankungen ließen nicht auf sich warten und so merkte ich nach ca. anderthalb Jahren, dass da wohl so einiges nicht optimal läuft. Man kann noch so gut vorbereitet sein, Fehler gehören dazu. Mir wurde klar: auch ein Freelancer sollte sein Business wie ein Unternehmer planen.

 

Ich begann, mich umzuhören und stellte fest, dass es bei allen anderen ziemlich gut lief. Keine Spur von Zweifeln, sie gingen den absolut richtigen Weg – Erfolg auf ganzer Linie.

 

Alle sind erfolgreich, nur ich nicht

 

Bald landete ich in einem Gefühlschaos sondersgleichen. Die Fotos kämpften sich so unaufhaltsam in meine Selbständigkeit, dass ich sie nicht ignorieren konnte. Ich brannte dafür und steckte unheimlich viel Geld und Zeit in die Weiterentwicklung. Oft fragte ich mich, ob das wirklich gut war, was ich da tat. Aber ich vertraute darauf, dass sich alles finden würde.

 

Geldsorgen gehörten zunehmend zum Alltag. Ich begann ein Coaching, um mir klar zu werden, was ich wollte. Was machte ich da mit zwei komplett unterschiedlichen Fachrichtungen?! Wie soll ich das verkaufen? Aber wie soll ich mich für eins von beiden entscheiden? Ach ja, und wie geht eigentlich so richtig Akquise? Und was war mit Marketing? Strategie Fehlanzeige.

Es dauerte mehrere Monate, bis ich einen Weg für mich sah. Aber der war lang und steinig. Und ich begann nachzufragen, wie das die anderen so machen. Und nach und nach dämmerte es mir: Nein, ich bin nicht die Einzige, die rotiert und rotiert, die nach dem richtigen Weg sucht, die Tag und Nacht für ihren Traum arbeitet, die Freundschaften aufs Spiel setzt … um am Ende doch wieder ohne nennenswerte Weiterentwicklung dazustehen.

 

 

Wir sitzen alle im gleichen Boot

 

Jede, wirklich jede selbständige Frau, mit der ich sprach, berichtete mir von ihren Startschwierigkeiten, von den Schlaglöchern und verschlossenen Türen auf ihrem Weg zum Traum. Ohne die Hilfe von Familie und Freunden, insbesondere in finanzieller Hinsicht hat es fast keine geschafft. Das beruhigte mich. Es lag also nicht (nur) an mir. Ja, ich hätte besser vorbereitet sein können. Ja, ein zweites Standbein aufzubauen, während das erste noch kein stabiles Fundament hat, war leichtsinnig. Aber selbst die beste Vorbereitung hätte mir keinen glatt geteerten, schnurgeraden Weg beschert.

 

Die Erleichterung über meine Leidensgenossinnen wich nach und nach der Frustration. Wenn es doch (mehr oder weniger) allen so geht, warum bitte spricht dann niemand drüber? Warum hört man überall nur von den supertollen Aufträgen und Kunden, von den Unsummen an Umsätzen (die selten konkret benannt werden)? Wieso hat mir niemand vorher wirklich ehrlich gesagt, was da auf mich zukommt?

 

Danke, dass du so offen bist

 

Mir ist klar, dass es aus Marketingsicht nicht die beste Strategie ist, öffentlich alle Rückschläge zu teilen. Welcher Kunde will schön hören, dass man zwar supertoll ist, aber trotzdem kämpft? Und seien wir ehrlich, ich hätte es nicht hören wollen, hätte man mir vor meiner Selbständigkeit erzählt, wie schwer es werden wird.

 

Im letzten Jahr hörte ich sehr oft: “Toll, du hast dein Hobby zum Beruf gemacht. Ich beneide dich!”. Und doch war irgendwann meine Kraft zu Ende. Drei Jahre auf rauher, offener See ganz ohne Hilfe paddeln ist aussichtslos. Ich begann eine Therapie gegen meine durch dauerhafte Sorgen, Selbstzweifel, Perfektionismus und finanzielle Nöte verursachte Depression. Ich lernte, was für einen wahnsinnigen Weg ich zurückgelegt hatte. Wie viel ich erreicht hatte! Und ich begann offen darüber zu sprechen, dass es mir nicht gut geht. Dass das Erreichen meines Traums mich krank gemacht hat und ich Hilfe brauchte. Ich habe dabei gelernt, was für tolle Freunde ich habe, wie sehr meine Familie hinter mir steht – und dass ich auf dem richtigen Weg bin. Zu einem richtigen Abenteuer gehört eben auch Drama.

 

Ich habe mit meiner Offenheit nur positive Erfahrungen gemacht. Egal wem ich mein Herz ausschüttete, alle sprachen mir Mut zu und nicht wenige teilten ihre eigenen Niederlagen mit mir. Daraus sind tolle (Business-)Freundschaften entstanden, ein wunderbares Netzwerk an Frauen, die sich gegenseitig unterstützen.

Und wenn mir jemand berichtet, dass er sich selbständig machen will, dann erzähle ich gerne von meinen Freiheiten, von meinen Erfolgen, von meiner Liebe zu meiner Arbeit. Aber auch von dem Preis, den ich dafür zahle. Es ist niemandem geholfen, wenn ich es schönrede.

 

Lass uns ehrlich sein!

 

Die letzten Jahre waren unheimlich anstrengend und wunderbar zugleich. Um nichts in der Welt möchte ich diesen Lebensabschnitt missen – mit allen Höhen und Tiefen.

 

Entstanden ist daraus das Projekt #NoMoreMindfuck. Mindfuck ist alles, was sich in unserem Oberstübchen abspielt und nicht wirklich förderlich ist: Selbstzweifel, Sorgen jeglicher Art, Katastrophenphantasien … Wir alle haben Mindfuck, egal an welchem Punkt unseres Unternehmens wir stehen und egal wie erfolgreich wir sind.

 

Und damit bloß niemand denkt, er  wäre der einzige auf der Welt, bei dem es nicht gut läuft und deshalb vor lauter Mindfuck die wirklichen Erfolge übersieht, gibt es bei mir auf dem Blog ab nächstem Monat regelmäßig Interviews mit erfolgreichen Unternehmerinnen, die von ihrem Weg zum Erfolg berichten, von den Hindernissen, von ihren Stürzen und Kratzern. Und natürlich von dem Mindfuck, der sie trotz Erfolg auch heute noch heimsucht.

 

 

Fotos: Kerstin Petermann