Tanja Cappell, den meisten eher bekannt als Frau Hölle, ist die deutsche Queen von Stift und Papier. Für bunte Kritzeleien (Sketchnotes) und schön Geschriebenes (Lettering) lässt sie die Stifte tanzen.

 

Tanja, ich kenne dich ja eigentlich nur von Instagram, also nur digital. Schön, dich auch mal live und in Farbe zu treffen.

Mein Thema heute ist Mindfuck. Es geht nicht nur um die Erfolge und wie toll man ist, sondern auch um die Selbstzweifel und das, was nicht so gut läuft.

Wie war das denn mit deiner Selbständigkeit? Seit wann bist du selbständig?

 

Seit über einem Jahr.

 

Und wie war das am Anfang? Bist du einfach losgestartet und hast gesagt “Tschakkalaka, das wird toll” oder hast du dir auch Sorgen gemacht?

 

Für Tschakkalaka hätte ich einfach zu viel Schiss, dass es dann doch nix wird. Ich bin schon so ein kleiner Schissi und deshalb habe ich das mit der Selbständigkeit schon ein paar Jahre nebenbei ausprobiert. Ich habe über 2-3 Jahre in der Festanstellung eine 4-Tage-Woche gehabt und da konnte ich testen, wie gut das funktioniert: Klappt das mit Kundenakquise, Kundenkontakt, Rechnungen schreiben … Das lief gut, hat Spaß gemacht, dann wurden die Anfragen mehr, die Aufträge mehr und dann hab ich mich getraut. Aber ich bin Schissi, Schissikowski. (lacht)

 

Also hast du dir am Anfang schon Sorgen gemacht, dass das vielleicht nichts wird?

 

Ja.

 

Und was hat dir dabei geholfen?

 

Das Vertrauen und die Sicherheit, dass man ja noch die Festanstellung hat. Das würde ich auch jedem empfehlen.

 

Und dann war es nicht mehr so schwer als du auf 100% umgestiegen bist.

 

Genau. Man kann natürlich nicht detailliert berechnen, wieviel Aufträge kommen oder nicht, aber man rechnet sich so ein bisschen durch: wenn ich mehr Zeit hätte, was könnte ich an Aufträgen schaffen und lohnt sich das. Dann hat man keinen Mindfuck mehr, sondern Mindsecurity, sozusagen.

 

Und wie war dein letztes Jahr? Bei Instagram bin ich durch deinen Lettering Guide auf dich aufmerksam geworden und hab es sozusagen live mitbekommen, wie du durch die Decke gegangen bist.

 

Das war geil, ja.

 

Hat man da trotzdem Phasen, in denen man denkt “Oh mein Gott, morgen ist es vorbei!”?

 

So schlimm war’s zum Glück noch nie in dem ganzen Jahr. Man muss aber auch dazu sagen, dass ich aus dem Produktmanagement komme und ich ständig auf der Suche bin bzw. schaue ich ständig, wie man sich noch weiterentwickeln kann – Produkte, Nischen, was es da noch so gibt. Und versuche nicht auf dem Erfolg dieses einen Produkts, des Lettering Guides, zu verharren.

Ich denke, das muss man generell als Selbständiger. Sich ständig umschauen, den Markt im Blick behalten, wie verändert der sich. Und so kann man sich auch eine Sicherheit schaffen. Man muss einfach Weitsicht haben und nicht zu nischig werden. Dann läuft man auch nicht Gefahr, irgendwann einfach unattraktiv zu sein.

 

 

 

Fotografin Romy Gessner Hamburg

 

 

Und heute, im Alltag? Wie sieht’s da mit Mindfuck aus? Plagen dich da ab und an Zweifel oder Sorgen?

 

Es gibt ja immer mehr Leute, die das machen, was ich mache. Was auch ganz normal und gut ist. Aber da macht man sich dann schon Gedanken, ob man uninteressanter oder unattraktiver wird für die Kunden. Es gibt inzwischen viele, die auch Workshops anbieten, die wie ich Auftragsarbeit annehmen. Aber da muss man das Selbstbewusstsein haben und sagen: “Du kannst das besonders gut und du bist attraktiv weil du genau das kannst.” Aber, na klar, hat man immer mal wieder Phasen, in denen man zweifelt. Das ist, glaube ich, menschlich und ganz normal. Ich bin eine Persönlichkeit, die sehr viel Selbstsicherheit besitzt, aber es gibt eben auch Phasen, in denen ich denke “vielleicht sind die anderen doch besser als ich …”. Dann hilft Community! Dann helfen Screenshots von lieben Menschen, die mir auf Instagram schreiben und schreiben, wie toll man ist und wie toll man die Sachen macht.

 

Jetzt nochmal zusammengefasst die drei Tipps für einen ganz schlechten Tag?

 

Viel Kaffee, viel Kuchen und Schokolade. (lacht) Also mir hilft es wirklich, Screenshots von Nachrichten, die ich bekomme, zu lesen. Die hebe ich mir für schlechte Tage auf. Ich habe in Evernote ein Erfolgstagebuch für schlechte Tage, da speichere ich die rein. Das zieht mich dann wieder hoch. Sich an alten Erfolgen einfach laben.

 

Schöne Idee!

 

Dafür hat man Erfolge. Nicht ein Mal, sondern für ewig.